„Ich sach's euch, dat war 'ne Nacht, die ich nich verjesse, wenn ich tausend Jahr alt würd."
Hansi Krüger saß zusammengerollt in der Ecke, die Mütze tief im Gesicht. Bucklig, blass, der Körper leicht deformiert — das Erbe eines Dormitors, dessen Blut sich in ihm anders ausdrückte als in Menschen.
„Ich war grad unten, hab'n Backup gezogen von de Kameras. Und plötzlich — Stille. Kein Alarm. Kein Stromausfall. Nur Stille."
„Ich guck in die Monitore — nix. Kein Bild. Kein Ton. Die Funkverbindung zu den anderen? Weg."
„Wenn ihr wollt, ich zeig euch den Eingang. Hinter Gleis 11, da is 'ne alte Gittertür, sieht aus wie Wartung. Müsst euch ducken, dann rechts, dann zweimal links."
Hinter Gleis 11 im Kölner Hauptbahnhof liegt ein Bereich, den kein Fahrplan verzeichnet. Beton, feucht, bröckelig. Der Geruch von Schimmel und kaltem Rauch. Am Ende des ersten Ganges: eine Metallplatte, und dahinter, nach einem dumpfen Klicken, eine Treppe in die Tiefe. Und schließlich eine Stahltür:
KLN-NODE 7 — BETRIEBSZENTRALE
Die Decke war niedrig, die Gänge schmal. Zu beiden Seiten standen Reihen von Serverracks, Arbeitsstationen — alle dunkel, alle ohne Strom. Nur ein einziger Bildschirm leuchtete in rötlichem Licht:
DATUM: 05.10.2025 – 00:01
WARNUNG: VERBINDUNG ZU NETZWERK UNTERBROCHEN
[1759615201] SYSTEM RESTART INITIATED BY USER: ADMIN_NORA
[1759615209] EMERGENCY BROADCAST - CHANNEL 1 ACTIVE
[1759615215] CONNECTION REFUSED: CGN-CA-NODE / Gürz06
[1759615217] CONNECTION REFUSED: CGN-CA-NODE / Heli01
[1759615219] CONNECTION REFUSED: CGN-CA-NODE / Wall02
[1759615221] CONNECTION REFUSED: CGN-CA-NODE / Phil04
[1759615211] CONNECTION REFUSED: CGN-CA-NODE / Ludw21
[1759615211] CONNECTION REFUSED: CGN-CA-NODE / Fort04
[1759615241] CONNECTION REFUSED: ALL INTERNAL NODES
[1759615243] CONNECTION REFUSED: ANC-FRA-NODE / GW3
[1759615243] CONNECTION REFUSED: CAM-RUH-NODE / GW1
[1759615261] CONNECTION REFUSED: ALL EXTERNAL NODES
[1759615263] GENERAL CONNECTION LOSS - CASE ZERO
[1759615265] SHUTDOWN INITIATED - 1 MIN ABORT
[1759615325] EMERGENCY BROADCAST - RMRF - SHUTDOWN
Auf einer Karte von Köln an der Wand: eingezeichnete Knoten — die sieben Elysien, und ein weiterer Punkt auf dem Melatenfriedhof. Alle Lämpchen: tot. Es roch nach frischem Blut.
Irgendetwas bewegte sich entlang der Wand. Zu dünn für einen Menschen, zu ruhig für einen Zufall. Dann: ein Gesicht im Licht der Taschenlampen — mager, blass, die Haut gesprenkelt von alten Wunden. Vollgestopfte taktische Weste, USB-Sticks, Festplatten, Funkgerät.
„Nicht schießen — was macht ihr hier?"
Er nannte sich Milo. Nosferatu. Aus Düsseldorf — oder Aachen, je nachdem, welcher Version man glauben mochte. Er war vor zwei Wochen nach Köln gefahren, nachdem die Node still geworden war.
„Wir haben ein wenig gewartet. Dann dacht' ich, vielleicht 'n Knotenfehler, Strom weg, Dieselnotstrom nicht aufgefüllt — passiert in Köln immer mal wieder wenn die KVB 'n Kabel anbuddelt."
„Alles abgeschaltet. Das System hat sich selbst gelöscht — ok, das soll es. Aber die, die's bedient haben, hat's scheinbar gleich mit gelöscht."
Milo hatte noch eine letzte Aufnahme. Den einzigen Datensatz, den sich nicht löschen ließ: Zeitstempel 05.10.2025 — 00:01:00. Eine Minute. Vier Kameras.
Kamera 1 — Eingangsbereich der Node:
Drei Nosferatu an Terminals. Einer sagt: „Ich krieg Rückkopplung vom Ludwig-Knoten. Das ist keine Störung, das ist—" Er bricht ab. Alle Geräte flackern gleichzeitig. Das Licht geht aus.
Kamera 2 — Blutkühlung:
Ein Nosferatu überprüft Vorräte. Einer der Beutel platzt — rotes Blut spritzt gegen die Wand, dampft beim Berühren des Bodens. Dann platzen alle Beutel. Der Nosferatu fällt zu Boden und verweset innerhalb von Sekunden. Kein Schrei. Nur das Summen der Kühlschränke.
Kamera 3 — Lagerraum:
Ein alter, fürchterlich entstellter Nosferatu. Mit einer faltigen Hand greift er in eine samtbeschlagene Schachtel. Ein goldener Handspiegel in merkwürdiger Form, angelaufen, aber noch glänzend.
Er nimmt ihn hoch. Schaut hinein. Und sagt, leise:
„Sire… ihr hattet recht…."
Der Ton knackt. Aus seinen Augen fließt Blut, das zu Staub zerfällt. Er selbst fällt als Häufchen Asche in sich zusammen. Der Spiegel klingt auf dem Boden.
Kamera 4 — Gruft unter dem Melatenfriedhof:
Kein Bewegungsbild. Nur eine steinerne Kammer. Ein Altar. Eine Bronzeurne. Schriftrollen. Und an der Wand, kaum lesbar:
„Domus una, septem virtutes; sex domūs, sex peccata."
Ein Haus, sieben Tugenden; sechs Häuser, sechs Sünden.
Milo saß da, das grünliche Licht der Monitore über seinem Gesicht.
„Das war's. Keine Explosion. Keine Jagd. Als ob jemand 'nen Schalter umgelegt hat."
Er lag noch dort, wo er gefallen war. Gold, angelaufen, in einer merkwürdigen Form, die kein normaler Handspiegel hatte — die Gravuren auf dem Rahmen zeigten das Tierkreiszeichen des Skorpions.
Was es war, das den alten Nosferatu getötet hatte, als er hineinsah — das blieb offen. Vielleicht war er alt genug, um zu verstehen, was er sah. Vielleicht zeigte der Spiegel Dinge, die manche nicht überleben konnten.
Sie nahmen ihn mit. Vorsichtig. Ohne hineinzusehen.