FR 07.11. · 17:45. Die Nacht begann ohne Vorzeichen. Keine dringende Nachricht von Hans. Kein neues Briefing, keine Warnung, kein Name, der plötzlich auf einem Display aufleuchtete. Im Triangle blieb alles still. Die Flure lagen ruhig da, die Stadt unter ihnen wirkte für einen Moment beinahe normal.
Amira fuhr durch Kalk, ließ die Straßen an sich vorbeiziehen und hielt die Augen offen, ohne wirklich etwas Konkretes zu suchen. Erich zog durch das Belgische Viertel, beobachtete Menschen, Schaufenster und Schatten zwischen den Bars. Nichts drängte. Nichts eskalierte.
Für einen seltenen Augenblick fühlte sich Köln nicht wie ein Pulverfass an, sondern einfach nur wie eine Stadt am Abend. Und vielleicht war genau das das Ungewöhnliche.
FR 07.11. · 23:30. Der Bahnsteig ist voller Menschen. Pendler. Studenten. Betrunkene. Musik aus Kopfhörern. Durchsagen. Und mittendrin steht Philip. Allein. Unbeweglich. Niemand achtet auf ihn — bis jemand ihn anrempelt. Ein Typ Anfang zwanzig, genervt: „Pass doch auf, Alter." Philip reagiert nicht. Der Mann dreht sich weg.
Dann bleibt Philip plötzlich stehen. Sein Blick fällt auf eine junge Frau am anderen Ende des Bahnsteigs. Dunkle Haare. Vanessa. Nicht wirklich. Aber nah genug. Etwas bricht. Die Geräusche der Station werden dumpf. Sein Atem wird hektisch. Menschen lachen irgendwo. Eine Bahn fährt ein. Licht. Schreie. Und dann explodiert alles.
Philip stürzt sich auf den ersten Menschen. Nicht wie ein Vampir. Wie ein Berserker. Blut spritzt über den Bahnsteig. Menschen schreien und rennen. Jemand filmt sofort mit dem Handy. Philip schlägt einen Mann gegen eine Säule, bis der Schädel nachgibt. Eine Frau wird zu Boden gerissen. Panik. Massenpanik.
Und mitten zwischen schreienden Menschen steht Philip. Blutüberströmt. Zitternd. Völlig außer Kontrolle. Dann sieht er in die Kamera, und man erkennt das flehende Wort, das er spricht, auch ohne Ton:
„Bitte…"
Nur dieses eine Wort. Und dann verschwindet er in den U-Bahn-Tunneln.
SA 08.11. · 00:05. Milo meldet sich. „Ich habe den Sabbat-Typen in Chorweiler lokalisiert… also Lena hat ihn gefunden… also nicht wirklich Lena… sie hat Freunde in Chorweiler… sie ist auch gerade da vor Ort… aber ihr kennt sie ja… ich habe ihr versucht klarzumachen, dass sie einfach nur beobachten soll…"
Endlich eine Spur. Die Gruppe entscheidet sich, sofort aufzubrechen — hinunter in die Tiefgarage, zu den Wagen, und dann raus nach Chorweiler.
SA 08.11. · 00:30. In der modernen Tiefgarage unter dem Triangle, dort wo Neonlampen die Szene beherrschen, tagsüber teure Autos stehen und jetzt fast alle Parkplätze leer sind, fällt euch ein Mann auf. Oder zumindest etwas, das einmal sauber genug in diese Beschreibung gepasst hätte. Er sieht euch und hat anscheinend auf euch gewartet. Der Regen läuft die Auffahrt herunter, er steht im Durchgang zur Treppe nach draußen.
Als er euch sieht, hebt er den Blick und kommt auf euch zu — und je näher er kommt, desto ungewöhnlicher erscheint er. Er trägt einen grauen Mantel, viel zu groß für seine schmalen Schultern. Der Stoff hängt an ihm wie an einem Kleiderbügel. Die Finger sind lang, viel zu lang, und die Gelenke wirken falsch gesetzt, als hätte jemand sie neu sortiert und danach das Interesse verloren. Seine Knie scheinen auf einer unpassenden Höhe zu sitzen. Er wirkt deformiert.
Sein Gesicht ist nicht entstellt genug, um sofort Monster zu schreien. Die Haut sitzt zu straff über den Wangen. Der Mund ist etwas zu breit. Eine alte Narbe zieht sich von einem Ohr bis zum Kinn. Die Bewegung ist mühsam. Nicht schwach, eher ungenau, als müsste sein Körper erst nachfragen, wie ein Arm funktioniert. Er streckt ein flaches Paket hin, mit einer dünnen Schnur verschnürt. Zuerst kommt kein Wort, nur ein Krächzen und Stöhnen.
Ein trockenes, leises Klicken tief in seinem Hals. Seine Stimme klingt nicht heiser. Sie klingt irgendwie falsch. Er schluckt, und dabei bewegt sich etwas unter der Haut seines Halses, als würden dort Muskeln arbeiten, die dort gar nicht hingehören. Jetzt seht ihr, warum seine Worte so falsch klingen: Innen an seinen Wangen sitzen Nähte. Dünne, schwarze Fäden, halb ins Fleisch eingewachsen. Seine Zunge wurde nicht ganz entfernt, aber sie wurde geteilt, gekürzt und wieder zusammengesetzt. Nicht, um ihn zum Schweigen zu bringen — sondern damit jedes Wort weh tut.
„Der Mann sagt, wenn ihr weiter existieren wollt, sollt ihr sie nicht fragen, was dort geschehen ist…"
„Der Mann sagt, ihr könnt das Wissen aber nutzen, um Macht zu erlangen…"
„Der Mann sagt, ihr könnt damit ein altes Monster und seine Diener vernichten."
„Ihr sollt nicht fragen, was dort hinging, sondern was von dort zurückkam. Sagt der Mann."
Dann kippt sein Kopf zur Seite, als wäre der Auftrag das Letzte gewesen, was ihn aufrecht gehalten hat. Für ein paar Sekunden hört ihr entfernt von draußen den Regen, das Rauschen der Stadt und irgendwo ein Auto, das viel zu schnell durch eine nasse Straße fährt — als sein toter Körper in die Pfütze auf dem Boden fällt. Amira hat ihm das Päckchen abgenommen.
In dem Päckchen liegt ein altes Foto. Vor einer kleinen Kirche aus grauem Stein stehen drei Gestalten — ein Mann und zwei Frauen. Daneben, in fahler Handschrift auf angesengtem Papier:
„Drei zerbrochene Seelen gingen hinein.
Drei lächelnde Geister kamen heraus."
Nicht, was dort hinging — sondern was von dort zurückkam. Die Spieler legen die Leiche des Boten in den Kofferraum und machen sich auf den Weg nach Chorweiler.
SA 08.11. · 01:30. Feuchte Nachtluft. Voller Parkplatz. Hochhäuser. Müll überall — aus den Fenstern geworfene Mülltüten, Stühle, Tische und sonstiges stapeln sich unten. Es liegt eine Grundaggressivität in der Luft. Irgendwo, wo die Mülltonnen stehen, steht mit verwischten Fingern in Blut geschrieben: ICH WOLLTE DAS NICHT. Blut tropft aus einer Mülltonne.
Dann bewegt sich irgendwo Metall. Ein dumpfer Schlag aus der Dunkelheit. Zwischen den Müllcontainern sitzt Philip. Oder das, was von ihm übrig ist. Die Hände voller Blut. Der Blick leer. Er hebt langsam den Kopf, als hätte er gar nicht bemerkt, dass jemand gekommen ist.
Seine Stimme klingt rau. Kaputt. „Hunger…" Er presst die Hände gegen den Kopf. „Ich hab versucht, aufzuhören." Ein Zittern geht durch seinen Körper, er murmelt leise wie in Trance: „… Blut… töten… alle Hoffnung fahren lassen…"
Ein Container kracht zur Seite. „Ich brauche euer verdammtes Mitleid nicht…!" Der Schrei hallt durch den Innenhof.
Die Gruppe muss reagieren — nicht um ihn zu besiegen, sondern um überhaupt zu überleben. Am Ende ist es Amira, die ihm den Pflock mitten ins Herz treibt. Philip erstarrt.
SA 08.11. · 04:00. Kaum steckt der Pflock, sehen sie eine blonde Frau in engen Lederklamotten, stark tätowiert, zwischen den Mülltonnen verschwinden. Niemand hält sie auf. Niemand kommt hinterher.
Sie legen Philip mit in den Kofferraum zu den Überresten des Boten, rufen die Anarchen an, um Blutkonserven abzuholen, und fahren dann ins Triangle. Dort beraten sie lange, was zu tun sei, und versuchen anschließend, Philip zu überreden, ihnen zu helfen. Aber er will einfach nur Frieden und ist zu keiner Kooperation bereit. Eine gebrochene, wirre, wahnsinnige Seele. Also bietet man ihm an, ihn zu erlösen, wenn er noch ein paar Informationen preisgibt — er hat ohnehin nichts mehr zu verlieren.
Er erklärt, wo das Rudel liegt und in welcher Gruft. Und dass sie hier waren, um Details zur Blutlinie von von Berg herauszufinden — damit Konrad seine Rache beenden kann.
Dann ist es an Erich, ihn mit dem Kölner Richtschwert zu erlösen — und wir sparen uns die Details zu diesem markerschütternden Gehacke. Erst im dritten Versuch gelingt es ihm, den Kopf komplett von den Schultern zu trennen. Die Schreie werden auf ewig im Spielzimmer des Prinzen im Triangle nachhallen.
Zwischendurch kommt von einer unbekannten Nummer eine weitere Signal-Nachricht — mit Bildern von Ravenna und der Kühnert — und dem Text:
„Ihr könnt ihn haben. Wir brauchen ihn nicht mehr."
Anschließend bittet Patrick Madame DeLuca um Hilfe, die sich um die Leichen kümmert. Philip löst sie auf, und die Überreste des Boten nimmt sie mit in ihr Kühlhaus. Wer weiß, was sie dort mit ihm anstellen wird.
Noch in derselben Nacht greift Erich zum Telefon und ruft Élise an. Er berichtet, was geschehen ist — dass das erste der Monster zur Strecke gebracht wurde.
Man hört das Lächeln in ihrer Stimme. Élise ist sichtlich stolz — und noch während Erich spricht, beginnt sie bereits zu planen. „Das", sagt sie ruhig, „werde ich an der richtigen Stelle platzieren." Sie wird dafür sorgen, dass die Sache politisch wirksam erzählt wird: Die Herrschenden haben Wort gehalten. Das erste Monster ist erledigt. Und in Köln kehrt wieder Ruhe ein.
Und so wird man es erzählen. In den Salons und Séparées, in geflüsterten Depeschen nach Paris und Berlin, in jenem samtenen Ton, mit dem die Ewigen ihre Legenden schmieden:
So wird es klingen. Glanzvoll, aufrecht, würdig — ein Triumph, groß genug, um Throne darauf zu gründen und Treueschwüre daran zu schleifen. So wird man es hören, und so wird man es glauben wollen.
Nur die, die dabei standen, wissen es besser. Sie wissen, dass in den letzten Minuten vor Philips endgültiger Vernichtung kein Funken Pathos lag, keine Ehre, kein Ruhm. Nur ein zerbrochenes, bettelndes Wesen, das nichts mehr wollte als Frieden. Nur eine Klinge, die dreimal ansetzen musste, ehe sie ihr Werk vollendete. Nur Schreie, die sich in kein Heldenlied fügen — roh, nass, endlos — und die im Spielzimmer des Prinzen nachhallen werden, lange nachdem der letzte goldene Satz über diese glorreiche Nacht geschrieben ist.
Ruhm ist, was die Überlebenden erzählen.
Die Wahrheit bleibt bei denen, die die Schreie gehört haben.